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Interview: Kieferveränderungen bei Akromegalie – ein Spezialist gibt Auskunft

Manches, über das man sich nie Gedanken gemacht hat, verändert sich bei Akromegalie. Dazu zählt das Kauen: Weil die Kiefer gewachsen sind, kann Betroffenen das Kauen schwer fallen. Doch Abhilfe ist möglich. akromegalie.de befragte zu diesem Thema Prof. Dr. Dr. E. Fischer-Brandies, Spezialist für Kiefer- und Gesichtsveränderungen bei Akromegalie.

akromegalie.de: Können Zahnärzte oder Kieferchirurgen eine Akromegalie feststellen?

Ja. Zahnarzt oder Kieferchirurg können bestimmte Veränderungen feststellen, die für eine Akromegalie sprechen, insbesondere, wenn sie einen Patienten länger kennen. Auffällig ist eine Überentwicklung der Kiefer- und Gesichtsstrukturen im Erwachsenenalter. Die Gesichtszüge wirken dann gröber und kräftiger, die Stirnkontur erscheint betont und es vergrößern sich Ober- und Unterkiefer. Das fällt vor allem bei einer ungleichmäßigen Entwicklung der Kiefer auf, wenn also z.B. der Unterkiefer mehr wächst als der Oberkiefer. Dann passen die Zähne nicht mehr richtig aufeinander. Sie haben auf den sich vergrößernden Kieferanteilen teilweise mehr Platz – so können Zahnlücken entstehen.

Wann sollten Kieferveränderungen behandelt werden?

Der Zeitpunkt für die definitive Behandlung ist gegeben, wenn sich der Wachstumshormonüberschuss bzw. die Werte des Insulin-ähnlichen Wachstumsfaktors I (IGF-I), die die Akromegalie verursachen, durch die Behandlung möglichst im normalen Bereich befinden An erster Stelle steht immer die Normalisierung der Hormonsituation, dann erst sollte geprüft werden, welche Maßnahmen im Kieferbereich erforderlich sind.

Muss immer eine Behandlung erfolgen?

Wird der Hormonüberschuss frühzeitig erkannt und behandelt, kann es unter Umständen sein, dass sich beide Kieferabschnitte etwas vergrößert haben, aber noch harmonisch zusammen passen. Ist in diesem Fall die Kaufunktion gewährleistet, muss man nichts Spezielles machen. Kommt es allerdings zu einem Fehlbiss, sodass Ober- und Unterkiefer nicht mehr richtig zueinander passen, muss man klären, ob eine spezielle Behandlung erforderlich ist, um wieder eine regelrechte Verzahnung herzustellen.

Können sich Kieferveränderungen von alleine zurückbilden, wenn sich Wachstumshormon und IGF-I normalisiert haben?

Nein. Eine spontane Rückbildung ist nicht zu erwarten, da die Kiefer-Gesichtsstrukturen durch den Wachstumshormonüberschuss gewachsen sind. Der Patient wird diesen Zustand behalten.

Wie sieht die Behandlung durch den Kieferchirurgen aus? Was wird gemacht?

Zunächst legen Zahnarzt, Kieferorthopäde und Mund-Kiefer-Gesichtschirurg gemeinsam fest, in welchem Umfang behandelt werden muss. Der Zahnarzt wird dann zunächst prüfen, welche Zähne behalten werden können, und entsprechend behandeln. In einem nächsten Schritt analysiert der Kieferorthopäde, inwieweit kieferorthopädische Maßnahmen alleine eine vernünftige "Verzahnung" herstellen, d.h. eine gute Kaufunktion und Belastungssituation für die einzelnen Zähne gewährleisten können. Wenn das alleine möglich ist, wird z.B. die Anpassung einer Zahnspange der entscheidende Behandlungsabschnitt sein. Gelingt das nicht, wird der Kieferorthopäde die Zähne so auf der Kieferbasis anordnen, dass die Zähne hinterher, wenn der entsprechende Kieferabschnitt im Rahmen einer Operation umgestellt wird, möglichst gut zueinander passen.

Wie lang dauert die Behandlung?

Falls ein operativer Eingriff erforderlich ist, dann muss der Patient mit einer längeren Behandlungsdauer rechnen. Die Vorbehandlung kann etwa ein halbes bis ein Jahr dauern, dann folgt der operative Eingriff und schließlich kann die Feineinstellung bis zu einem halben Jahr in Anspruch nehmen – wobei nur sehr ungefähre Zeitangaben möglich sind.

Wer ist der Ansprechpartner für den Patienten?

Im zahnärztlich-kieferchirurgischen Bereich sprechen sich Zahnarzt, Kieferorthopäde und Kieferchirurg über die Behandlung ab. Zunächst muss jedoch die Hormonsituation geklärt sein.

Kann der Patient damit rechnen, dass nach den Maßnahmen der Zustand vor der Erkrankung wieder hergestellt wird?

In der Regel nicht. Durch die Akromegalie sind ja Veränderungen im Bereich der Kiefer und der Gesichtsstrukturen aufgetreten, die vor der Erkrankung nicht vorlagen. Daher wird der Betroffene nach den Maßnahmen nicht genauso aussehen wie vor der Erkrankung. Aber einen Fehlbiss und unharmonische Veränderungen, wie z.B. ein Vorspringen des Unterkiefers, kann man natürlich korrigieren.

Sind nach Abschluss der Maßnahmen im Kieferbereich regelmäßige Kontrollen notwendig?

Nein, nur endokrinologische Kontrolluntersuchungen. Selbstverständlich sind aber zahnärztliche Routinekontrollen notwendig, bei denen auch auf die Qualität des Ergebnisses geachtet wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Dr. Eberhard Fischer-Brandies ist als niedergelassener Mund-Kiefer-Gesichtschirurg sowie als plastischer Chirurg in München tätig.